Johann Sebastian Bach live erlebt

An der Grund- und Hauptschule Heideck ist Johann Sebastian Bach, alias Balint Santa, gerade aus dem Weimarer Gefängnis in sein Arbeitszimmer heimgekehrt. Man schreibt das Jahr 1717. Seine zweite Frau Anna Magdalena Bach, alias Bärbel Ganster, hat ihn schon sehnsüchtig erwartet, denn sie musste allein für die 14 Kinder sorgen. Zu allem Unglück ist auch noch Christiane, die jüngste Tochter gestorben. Das Paar sucht Trost in der Musik zu Ehren Gottes, die stärker ist als tausend Soldaten: „Erbarme dich, mein Gott“. Bach hatte übrigens insgesamt 20 Kinder. Doch damals war die Kindersterblichkeit hoch und nur neun der Kinder haben ihren Vater überlebt.alt

„Klaviertheater Santa“ nennt sich das Duo, dem es gelingt, mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen die rund 200 Zuschauer in der Sporthalle Heideck eineinhalb Stunden lang für den Barockmeister Johann Sebastian Bach und seine Musik zu begeistern. Neben den Schülern der Grundschule Heideck sind auch drei Klassen der Comeniusschule Auhof sowie etliche Eltern gekommen.

alt „Gerade sitzen, Schultern nach hinten, leise sein“, Balint Santa gibt die Regeln für einen Theaterbesuch vor. Man darf nicht essen, nicht trinken und den Vordermann nicht treten. Aber lachen darf man an der richtigen Stelle schon. Weinen auch. Dazu ist das Theater da.

Weshalb Meister Bach im Gefängnis saß? Er wollte eine neue Stelle antreten und aus Weimar wegziehen. Das hatte dem Herzog von Weimar missfallen. Das war alles. Aber es gibt auch gute Neuigkeiten. Im Ort Köthen hat eine neue Obrigkeit die Herrschaft angetreten. Die Bauern müssen jetzt nicht mehr in den Krieg ziehen und außerdem gibt es ein Fest mit Freibier. Bach soll die Musik zu „Mer han en neue Oberkeet“ schreiben, auch als Bauernkantate bekannt. Nichts lieber als das.

alt Schon seit zwei Wochen hatten die Schülerinnen und Schüler der Grund- und Hauptschule Heideck sich auf diesen Tag vorbereitet, die Kantate gesungen und auf Instrumenten eingeübt. Neben der siebenköpfigen Flötengruppe und drei Gitarrespielern sind es Anna-Lena Dollinger am Keyboard und Natascha Henning auf der Klarinette, die den instrumentalen Part mit Bravour meistern. Diese Kantate wird an diesem Vormittag immer wieder aufgegriffen und die Zuhörer werden dabei mit in das Geschehen einbezogen. Junge Musiker und ein zweihundertstimmiger Kinderchor, die Johann Sebastian Bach interpretieren. Toll!

Wie erklärt man Kindern den musikalischen Begriff Fuge? Ganz einfach: „Man nehme eine Melodie für die rechte Hand und eine für die linke. Dann vermischt man beide und löst sie am Schluss wieder auf.“ Nebenbei gibt es auch Instrumentenkunde: Bertinchen, das kleine Küken im Hause Bach, kann man am besten mit dem Cembalo musikalisch wiedergeben, während man die Kantate „Erbarme dich, mein Gott“ nur auf der Orgel begleiten kann. Balint Santa lässt die passende Musik gekonnt auf dem E-Piano erklingen.

alt altSohn Carl Philipp Emanuel Bach hat aus Potsdam bei Berlin eine Einladung Friedrichs des Großen in das Schloss Sanssouci geschickt. Der preußische König möchte sich vom Können Johann Sebastians überzeugen. Welche Musik passt dort zum Saal der Engel? Gemeinsam überlegt man: „Es müssen majestätische, mächtige, aber auch sanfte Töne sein.“ Die „Engel“ in der Halle breiten ihre „Flügel“ aus und schweben zur Bachschen Musik umher. Dann heißt es: „Flügel wieder anlegen!“ Ganz andere Töne passen für den Saal der Teufel: dunkelrote, hässliche, dumme. „Hörner ausfahren und mitmachen!“ Schließlich wird auch der für Sanssouci vorgesehene Tanz von den kleinen und großen Zuhörern begeistert mitgemacht.

Gewissermaßen als Lernzielkontrolle gibt es zusammen mit Meister Bach eine Zusammenfassung des heute Gelernten. „Sie sind ein wunderbares, lebendiges Publikum“, lobt er die aufmerksamen Zuhörer, bevor er noch einmal die Bauernkantate anstimmt und die imaginäre Postkutsche nach Potsdam besteigt.

Text: Manfred Klier

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