Anja Pfaffenzeller gibt Einblick in ihre Arbeit in Brasilien

Mit “Bom dia! – Guten Tag!“ begrüßte Anja Pfaffenzeller die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Heideck. Das war Portugiesisch, denn Anja Pfaffenzeller leitet seit über drei Jahren eine Blindenschule in Nordbrasilien und dort spricht man Portugiesisch. „Ich lasse mich nicht behindern!“ gehört zu ihrem Lebensmotto, denn sie ist selber von Geburt an blind, lässt sich dadurch aber nicht unterkriegen. In ihrem Geburtsort Heideck hatte sie den Kindergarten besucht, aber bald einen Blindenstock bekommen, weil sie oft über Hindernisse gestolpert war. Später besuchte sie die Blindenschule in Nürnberg und dann in Marburg. Nach abgeschlossenem Lehramtsstudium für das Gymnasium ging sie nach Ubajara in Brasilien, um dort anderen zu helfen. Zwischendurch verbrachte sie ein Jahr in Florenz, um dort Italienisch und Geschichte zu studieren. Das alles macht sie zumeist selbstständig und ohne Begleitung. „Immer wieder fragen“, ist ihre Devise, wenn der Blindenstock nicht mehr weiter hilft. Sie hat erfahren müssen, dass sie oft auch in die falsche Richtung geschickt wird. Viel Unterstützung erfährt sie von ihrer Mutter Helga.
Nun stellt sie ihre Arbeit den interessierten Schülerinnen und Schülern vor. Mit ihrem Projekt „Bats in Action" will sie blinden Menschen helfen, ein selbstständiges Leben zu führen. „Bats“ heißt auf Deutsch Fledermaus, denn diese orientieren sich mit dem Gehör. Auch blinde Menschen können vieles an Geräuschen und unterschiedlichen Klängen erkennen. Man kennt das beispielsweise von der veränderten Akustik, wenn man ein unmöbliertes Zimmer betritt. Aber auch der Tastsinn spielt eine wichtige Rolle. Blindenschrift und der bekannte weiße Blindenstock sind hier zu nennen.
Obwohl sie die projizierten Bilder nicht sehen kann, weiß Anja Pfaffenzeller genau, was gezeigt wird. Sie hat sich die Reihenfolge gemerkt. Merkfähigkeit ist eine weitere wichtige Eigenschaft, wenn man nichts sehen kann. Um langes Suchen zu umgehen, muss sie sich beispielsweise merken, wo sie ihren Stock abgestellt hat. Mit Staunen lernen die Heidecker Schulkinder den Schulalltag in Ubajara kennen. Nachdem dort ein bescheidenes Häuschen für die Helfer renoviert worden war, ging der Unterricht los. Der findet aus Platzgründen in zwei Schichten statt. Alle tragen eine Schuluniform, zu der auch ein T-Shirt mit aufgedruckten Buchstaben in Blindenschrift gehört. Für manche ist Sattessen mit ein wichtiger Grund für den Schulbesuch. Blinde mit 20, ja sogar mit 40 Jahren lernen lesen und schreiben und können dadurch einer Arbeit nachgehen. Kommunikation ist ganz wichtig. Anja Pfaffenzeller hat eine Art kleines Täfelchen mitgebracht, mit dem sie kurze Texte in Brailleschrift zu Papier bringen kann. Besser geht es mit speziellen Schreibmaschinen. Oft kommt der Computer zum Einsatz. Auf der Tastatur geben die Markierungen bei den Buchstaben F und J Orientierung. Den Text, auch aus dem Internet, kann der Computer vorlesen. Ähnlich funktioniert das spezielle Handy, das sogar die gedrückten Tasten vorliest. Auch das Kochen am Gasherd, oft als viel zu gefährlich für blinde Menschen angesehen, wird an der Schule gelehrt und gelernt. Spiel und Spaß kommen nicht zu kurz.

Nach so vielen Informationen in Bild und Wort, sind die Heidecker Schüler motiviert, ihre Fragen zu stellen, was sie eifrig tun. Das Problem: Anja Pfaffenzeller kann niemanden aufrufen, weil sie ja die gehobenen Finger nicht sehen kann. Das besorgt die Schulleiterin Martina Wirsing für sie. „Was sehen Sie? Sehen Sie Schwarz?“, lautet eine Frage. „Wenn man nicht weiß, was Schwarz ist, kann man es auch nicht erkennen. Aber ich kann hell und dunkel unterscheiden“, lautet die Antwort. „Kann man dann Auf Wiedersehen sagen?“, ist eine durchdachte Frage. Damit gehen blinde Menschen ganz normal um. Bei Busfahrten orientiert sie sich an den Ansagen oder fragt den Busfahrer nach der Haltestelle. Wenn sie öfter die gleiche Strecke fährt, merkt sie sich die Kurven, Berg- und Talfahrten, die auf der Route liegen. Das Aussehen ihrer Mutter kann sie sich nach Beschreibungen vorstellen. Ein Jahr ihrer Ausbildung hat Anja Pfaffenzeller in Indien zugebracht. Von dort hat sie der Stadtbücherei Heideck ein Buch über eine Blindenschule in Indien mitgebracht. Es stammt von der ebenfalls blinden Schriftstellerin Sabriye Tenderken. Bevor sie nach Brasilien zurückkehrt, wird sie noch Station in Berlin, Chemnitz, Mainz und Wien machen, um dort ihr Projekt vorzustellen. Dafür überreichen ihr Andrea Plank-List und Britt Eckmann eine Spende des Schulfördervereins in Höhe von 300 Euro. Rektorin Wirsing bringt es am Ende der lehrreichen Fragerunde auf den Punkt: „Jammert nicht wegen jeder Kleinigkeit, sondern versucht das Leben zu meistern!“ Mit Dank und „Chao – Auf Wiedersehen“ verabschiedet sich Anja Pfaffenzeller.


Text und Bilder: Manfred Klier
